Unterrichtsstörungen

Björn Nölte, Studienseminar Potsdam

Definition: Was ist eine Unterrichtsstörung?

"Wenn sich mindestens eine der Personen, die am Unterrichtsprozess teilnehmen, beim Lernen gestört fühlt, liegt eine Störung vor."


Folgende Vorteile bietet diese simple und sehr weite Definition:

  • Auch wenn nur ein Schüler oder eine Gruppe von Schülern sich gestört fühlt, muss ich als Lehrer Verantwortung für den Umgang mit der Störung zeigen.
  • Die Definition verengt nicht den Blick auf Störungen, die von Schülern ausgehen, sondern ermöglicht eine Sichtweise, die den Lehrer als Störungsursache mit in den Blick nimmt.
  • Da Ursachen in der Definition ausgeblendet sind, ist eine offene Ursachenanalyse möglich.

Störungen werden höchst subjektiv wahrgenommen!

In Seminaren zu dem Thema zeige ich oft eine 3-minütige Videosequenz aus einer Unterrichtsstunde. Ich frage die Teilnehmer nach einer Einschätzung auf einer Skala von "1" (keine Unterrichtsstörung) bis "10" (massive Unterrichtsstörung). Die Einschätzungen sind stets weit gestreut, oft von 1-10, selbst in sehr kleinen Gruppen.

Ist das 1 Foto oder sind es 4?

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Wie fasse ich Unterrichtsstörungen grundsätzlich auf?

falsch: einen Schuldigen suchen

falsch: Störungen als persönliches Versagen auffassen

falsch: Störungen hinnehmen ("Die Klasse ist so.")


richtig: Störungen als natürliche, ernst zu nehmende kommunikative Rückmeldungen auffassen, um Präventionsmittel auszuwählen.

Prävention ist wirksamer als Reaktion!

Daher:

  1. Falls nötig: im Unterricht INTERVENIEREN (siehe unten)
  2. URSACHEN identifizieren
  3. PRÄVENTION angehen

Ursachen

Der Lehrer als "Störfaktor" - wie Lehrer den Unterricht stören können:

  • mangelnde Selbstdisziplin und Verlässlichkeit
  • mangelhafte eigene Unterrichtsvorbereitung
  • mangelnde Fachkenntnis
  • fehlende Struktur und Routine
  • fehlender eigener Überblick
  • fehlende Aktivierung der Schüler, fehlende Abwechslung und intellektuelle Herausforderung
  • fehlende (Ziel-)Transparenz
  • Unsicherheit/Unerfahrenheit und fehlende Selbstreflexion im Umgang mit Konflikten und Störungen
  • fehlendes Durchsetzungsvermögen
  • mangelnde Erziehungsbereitschaft
  • nicht reflektierte Körpersprache
  • fehlende Wertschätzung des Gegenübers
  • nicht funktionierende Regelsysteme


(nach: Rattay/Schneider etc., S. 19-23)


Wenn ich also als Lehrer Unterrichtsstörungen wahrnehme, ist es ratsam, in dieser Aufstellung nach Faktoren zu suchen, die verändert werden können, da dieser Bereich von mir alleine verändert werden kann.

Ursachen auf Schülerseite

  • Grenzen testen
  • Konzentrationsschwächen
  • Bewegungsdrang, Hyperaktivität
  • familiäre Probleme
  • unsoziales Verhalten
  • Langeweile
  • Desinteresse
  • Über-/Unterforderung
  • Ablenkung (optisch, akustisch, taktil)
  • Konfliktsituationen in der Klasse
  • Spaß an Nebentätigkeiten
  • Pubertät
  • Neurosen, Krankheiten, Verhaltens-/Lernstörungen
  • Vorurteile gegenüber dem Lehrer
  • persönliche Bedürfnisse (Hunger, Durst, Müdigkeit)
  • fehlende Arbeitsmittel
  • Lehrer/Schüler ärgern
  • auf sich aufmerksam machen/gesehen werden wollen
  • ...

Institutionelle und äußere Ursachen

  • Lärmbelästigungen von außen (Straßen-, Bau-, Fluglärm)
  • Insekten im Klassenraum
  • mangelnde Lärmisolierung zu anliegenden Räumen
  • Mängel in der Raumausstattung
  • Klingeln der Schulglocke
  • Durchsagen
  • Mängel der technischen Ausrüstung
  • zu interessante Fensteraussicht
  • organisatorische Probleme (Raumzuweisung, Klassenfrequenz)
  • Feueralarm
  • hitzefrei
  • defekte Geräte
  • ungünstiger Stundenplan
  • gehäufte Vertretungen
  • geringe Kooperation oder Konflikte im Kollegium
  • Klassenarbeiten vorher/hinterher
  • ...

Auf welchen Ebenen kann ich PRÄVENTIV wirken?

...und wie geht das konkret?

Am besten ist eine Verschränkung bzw. situativ-flexible Anwendung der Ebenen.

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Techniken der Klassenführung nach J. Kounin

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Intervention bei Störungen

  • sollte kurz sein (zügig weiter unterrichten)
  • muss angemessen sein
  • sollte konsequent sein
  • darf Wege der Konfliktlösung nicht versperren
  • hilft der Lehrkraft, Zeit zu gewinnen, um Auswege und Möglichkeiten der Konfliktlösung zu durchdenken
  • erspart bei schweren Konflikten nicht ein aktives und umfangreiches Konfliktlösungsmanagement

Technik der Intervention

  • so weit es geht nonverbal auf Störungen reagieren
  • keine pauschale Ansprache, sondern einen einzelnen Schüler namentlich ermahnen.
  • Auch wenn mehrere Schüler oder die gesamte Klasse stört: Nennen Sie einen einzelnen Schülernamen.
  • Zeit gewinnen: "Du kommst bitte nach der Stunde zu mir." >>Ich gewinne Zeit. >>Der Schüler gewinnt Zeit. >>Konfliktlösungen sind nicht verbaut durch Eskalation in der Stunde. >>Diese erste unbestimmte Intervention wirkt auf die gesamte Lerngruppe.
  • Falls möglich: Anders reagieren, als erwartet (mehr dazu unter dem nachfolgenden Link)

Deeskalation in Konfliktsituationen

Gegenüber einzelnen Schüler/innen sollte deutlich gemacht werden, dass das Hauptziel eine schnelle Rückkehr zur Arbeit ist und kein Interesse an einer unkontrollierten Konflikteskalation verbunden mit einer persönlichen Abwertung des Schülers oder der Schülerin besteht.


Frühzeitig intervenieren, bevor der eigene Ärger ansteigt!

Je größer der eigene Ärger wird, umso weniger lassen sich eskalierende nonverbale und verbale Reaktionen kontrollieren.


Keine Vorhaltungen oder Moralpredigten!

Eine Konfliktsituation in der Klassenöffentlichkeit ist der ungünstigste Zeitpunkt für ein persönliches Feedback. Verschieben Sie diesen Impuls auf ein ruhiges Gespräch unter vier Augen.


Kurz und klar äußern, was die Schüler tun sollen!

(Nicht, was sie nicht tun sollen) - so müssen sich die Schüler nicht mit der Interpretation der Vergangenheit beschäftigen.


Schüler bei der Ansprache nur kurz anschauen!

Ein langes Fixieren signalisiert Konfliktbereitschaft und Eskalation. Wenn Sie den Schüler nur kurz anschauen und dann den Blick auf das Arbeitsmaterial lenken oder dahin deuten, zeigen Sie, dass Sie an der Weiterarbeit interessiert sind und den Vorfall dann auf sich beruhen lassen.


Stimme nur kurz anheben und dann normal weitersprechen!


Eigene negative Gefühle auch als eigene äußern!

Auf diese Weise wird deutlich, dass die Lehrkraft ein aktuelles ernstes Anliegen an die Klasse hat. Die Schülerinnen und Schüler sind nicht damit beschäftigt, für sich zu klären, ob der Vorwurf berechtigt ist und wer der Schuldige ist (Eskalation).


[nach Thomas Wüstenberg]

SKILL: Umgang mit Störungen

Sie fühlen sich zu Beginn des Unterrichts unwohl?

Die Feuerzangenbowle - Physikunterricht
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Überblicksartikel aus Praxis Schule 4-2010

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