Lernberatung

Björn Nölte, Studienseminar Potsdam

Beratung?

Alltagssprachlich bedeutet Beratung oft "einen Ratschlag geben". Professionelle Beratung ist etwas anderes, denn professionelle Beratung sagt: "Auch gute Ratschläge sind Schläge." Welche allgemeinen Merkmale hat nun aber professionelle Beratung?


  • Freiwilligkeit und Eigenverantwortung als Grundlage für den Beratungsprozess
  • Symmetrie der Berater-Klient-Beziehung
  • methodisches Vorgehen
  • klare und transparente zeitliche und räumliche Struktur
  • Ein aktiver Lernprozess soll in Gang gesetzt werden.
  • bewusste Wahrnehmung des Problems
  • Unterstützung von Eigenbemühungen / Hilfe zur Selbsthilfe
  • Zielrichtung der Veränderung orientiert sich an den Kompetenzen des Ratsuchenden

(nach Liedtke-Schöbel, S. 33f)

Beratung in der Schule?

Die genannten Ansprüche an Beratung kann die Schule aufgrund ihrer institutionellen Aufgabe und Struktur teilweise nur schwer erfüllen. Kurz gesagt: Der Lehrer kann nicht gleichzeitig bewerten und beraten (bzw.: bewerten und erwarten, dass der gleiche Schüler freiwillig bei ihm Beratung sucht). Nach Schniebel, S. 26, trennen folgende 9 Aspekte die schulische von der professionellen Beratung:


  1. Lehrkräfte sind (meist) keine professionellen Berater.
  2. Beraterinnen in der Schule sind Teil des Systems.
  3. Die Themen der Beratung stammen ebenfalls aus dem System.
  4. Freiwilligkeit ist selten gegeben.
  5. Es gibt eindeutige oder verdeckte Hierarchien.
  6. Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten sind oft nicht klar.
  7. Der zeitliche Rahmen ist meist sehr beschränkt.
  8. Rollenkonflikte der Lehrkräfte
  9. divergierende Zielsetzungen der Beteiligten

Beratung in der Schule!

Trotzdem ist es auch in den bestehenden Strukturen sinnvoll und machbar, als Lehrkraft an der Schule zu beraten. Wie?


  • Schaffung von Rückmeldesituationen, die im Setting nahe an Beratungssituationen heranreichen
  • Orientierung an Begabungsförderung statt an Problem- oder Defizitanalyse
  • Methoden und Instrumente, die es Schüler leichter machen, sich aktiv in den Beratungsprozess einzubringen (Portfolio, Lerntagebuch, ...) oder um Beratung nachzufragen
  • Vermeidung von diagnostischen Aktivitäten, aus denen keine konkreten Handlungsempfehlungen entstehen.
  • Die Selbstwirksamkeit der Schüler als oberstes Ziel im Blick behalten: Z. B. nicht dem verständlichen Wunsch eines Schülers in der Beratung nachkommen, sofort eine Rückmeldung zu bekommen, ob eine Lösung falsch oder richtig ist, wenn das Ziel ist, das selbst zu kontrollieren.
  • (schulweit:) Beratung nicht durch den eigenen Lehrer
  • Neugierig sein auf die eigene Weiterbildung; erster Ansatz: H. Hardeland (s. unten
  • notwendige Grundhaltung: Ich verstehe mich als Lehrer als individueller Lernberater.

Zur digitalen Lernberatung: siehe unten!

Hamburg: Statt Elternsprechtagen werden LERNBERATUNGEN durchgeführt.

Gesprächsinhalte

individuelle Lernentwicklung

Lernstand in allen Fächern und Lernbereichen

überfachliche Kompetenzen

nächste Lernziele und -schritte der Schülerin/des Schülers

auf Wunsch: Berufs- oder Studienwunschplanung

Die Vorbereitung

Die Schüler bereiten sich vor.

Die Eltern bereiten sich vor.

Die Lehrkräfte bereiten sich vor: Austausch in Klassen- oder Jahrgangskonferenzen zu einzelnen Schülern.


Das nachfolgende Material enthält dazu einige Anregungen. Eine Anregung zu überfachlichen Kompetenzen findet sich in der "Hilfe für Elternsprechtage".

Durchführung

Das nachfolgende Word-Dokument liefert eine Übersicht über den Ablauf, den man auch den Beteiligten gegenüber verwenden kann.


Darunter findet sich ein Auszug aus M. Liedtke-Schöbel u. a.: Erfolgreiche Lernberatung. Berlin 2013, S. 50/51, in dem der Ablauf etwas genauer beschrieben ist.

Big image

Gesprächsführung

1. Aktives Zuhören statt schnelles Liefern von Erklärungen und Lösungen.

2. Kausalfragen vermeiden (statt "Weshalb schaffst du es nicht, konzentriert zu lernen?" eher: "Was bräuchtest du, um konzentrierter zu lernen?" oder "Wann hast du mal konzentrierter gelernt?"

3. Skalenfragen einsetzen: Stelle dir eine Skala von 0-10 vor. (0=negativ/sehr wenig/gar nicht/..., 10=positiv/viel/Ziel erreicht/...)

  • Wo genau stehst du jetzt?
  • Welchen Wert kannst du realistisch in der Zeit bis ... erreichen?
  • Was müsstest du genau/als Nächstes tun, um den nächsten Punkt zu erreichen?
  • Was müsstest du tun, um auf der Skala abzurutschen?
  • Woran würdest du merken, dass du bei 10/bei ... angekommen bist? Was machst du dann anders?

Skalenbeispiele:

  • Skalen zwischen der einen oder anderen Möglichkeit
  • Skalen zwischen der Nichterreichung und der Erreichung eines Ziels
  • Skalen zwischen dem Nichterfolg und dem Erfolg
  • Skalen zwischen der jetzigen Situation und dem erreichten Ziel
  • Skalen zwischen einer sehr geringen und einer hohen Intensität

Manchmal kann es hilfreich sein, einen Zollstock, Maßband o. ä. zu verwenden.

Ziele formulieren

  1. Positive Form (nicht das formulieren, was vermieden werden soll)
  2. So präzise wie möglich.
  3. Das Ziel ist erreichbar.
  4. Das Ziel ist überprüfbar/terminiert.
  5. "Ich-Satz"
  6. Formulierung im Präsens.

Übung zur Zielformulierung

Formulieren Sie folgende Zitate in Zielformulierungen um, die den o. g. Kriterien entsprechen.


Beispiel: "Ich will mich nicht mehr von meinem Handy ablenken lassen, wenn ich zu Hause lerne."

Umformulierung: "Ich stelle mein Handy zu Hause beim Lernen am Montag, Dienstag, Mittwoch und Freitag von 14:30 Uhr bis 16:00 Uhr aus."


  1. "Ich weiß, dass ich nicht mehr so faul sein darf; das kann ich mir nicht mehr leisten."
  2. "Das größte Problem sind die Eltern. Sie sollen an mich glauben und mir mehr zutrauen!"
  3. "Ich werde mich im Unterricht nicht mehr ablenken lassen und nicht mehr so viel stören."
  4. "Ich nehme mir jetzt vor, dass ich in der nächsten Mathearbeit eine Zwei schreibe."
  5. "Ich möchte, dass meine Mutter aufhört, mich mit dem Lernen zu nerven. Ich bin kein Kind mehr."
  6. "Ich werde es vermeiden, mich gehetzt zu fühlen."
  7. "Vor Klassenarbeiten muss man sich auf sich selbst konzentrieren, man sollte ruhig und entspannt sein."

Digitale Lernberatung

Nachfolgend finden Sie ein Google Forms-Template, das zeigt, wie eine Lernberatung digital protokolliert werden kann.


Durchführung:

Während des ersten Lernberatungsgesprächs wird das Ziel gemeinsam in das Google Formular eingetragen. Außerdem wird notiert, wann das Erreichen des Ziels überprüft werden soll. Den Link zu dem Formular bekommen alle Beteiligten. Nun können auf dem Weg zu dem vereinbarten Datum alle Beteiligten in "ihr" Feld Eintragungen vornehmen. Das können Selbstreflektionen sein, Beobachtungen, Hinweise oder Ermutigungen.


Vorteile:

leichtere Organisation der Aufzeichnungen durch die Lehrkraft

Transparenz und Verbindlichkeit

Betonung des Prozesscharakters der Beratung

größere Motivation der Beteiligten, "am Ball zu bleiben"


Nachteile:

Sichtbarkeit aller Aufzeichnungen für alle Beteiligten

Anonymisierung notwendig (Datenschutz)


*) Um ein Google-Formular zu erstellen, benötigen Sie einen Google-Account.