Leistungsbewertung

Björn Nölte, Studienseminar Potsdam

Herbert Jhering: Die schlechte Zensur


Brecht, der schwach im Französischen war, und ein Freund, der schlechte Zensuren im Lateinischen hatte, konnten Ostern nur schwer versetzt werden, wenn sie nicht noch eine gute Abschlussarbeit schrieben. Aber die lateinische Arbeit des einen fiel ebenso mäßig aus wie die französische des anderen. Darauf radierte der Freund mit einem Federmesser einige Fehler in der Lateinarbeit aus und meinte, der Professor habe sich wohl verzählt. Der aber hielt das Heft gegen das Licht, entdeckte die radierten Stellen und eine Ohrfeige tat das Übrige. Brecht, der nun wusste, so geht das nicht, nahm rote Tinte und strich sich noch einige Fehler mehr an. Dann ging er zum Professor und fragte ihn, was hier falsch sei. Der Lehrer musste bestürzt zugeben, dass diese Worte richtig seien und er zu viele Fehler angestrichen habe. „Dann“, sagte Brecht, „muss ich doch eine bessere Zensur haben.“ Der Professor änderte die Zensur und Brecht wurde versetzt.

Funktionen

  • Selektion - Zuteilung - Allokation
  • Legitimation
  • Kontrolle
  • Prognose
  • Information - Rückmeldung
  • Lehr-/Lerndiagnose - Evaluation
  • Sozialisation
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aus: Ludger Brüning/Tobias Saum, Erfolgreich unterrichten durch Kooperatives Lernen. Band 2. Essen 2009, S. 123

Transparenz

Sorgen Sie gegenüber den Schülern und den Eltern für Transparenz, indem Sie:

  • Bewertungskriterien vor der Bewertung offen legen
  • die Gewichtung von Bewertungskriterien offen legen
  • Bewertungskriterien - wo sinnvoll - gemeinsam mit Schülern entwickeln
  • Bewertungskriterien gegenüber Eltern offen legen
  • schriftliche Arbeiten mitsamt der zugrunde liegenden Bewertungskriterien zurück geben
  • ...


Die nachfolgende Vorlage einer Notenliste (Sek. I) für ein Halbjahr ermöglicht es, kontinuierlich auskunftsfähig über den Stand der Bewertung zu sein. Tipps zur Handhabung (am besten bereits vor dem Beginn des Halbjahres):

  • einzelne Spalten anpassen
  • in die erste Zeile alle Schülernamen eintragen
  • Gewichtungen anpassen
  • Noten kontinuierlich eintragen
  • "2-" = 2,3 / "2+" = 1,7
  • die elektronische Notentabelle immer dabei haben, sodass die Schüler jederzeit ihren Stand einsehen können
  • (wer möchte: Es lässt sich bei Excel auch nur die Zeile des betreffenden Schülers anzeigen)
  • Die Schüler können auch ihre augenblickliche Endnote sehen.
  • Prognosen sind möglich: Man kann z. B. eine fiktive "2,0" für die nächste Klassenarbeit in die entsprechende Zelle eintragen und man sieht, wie sich das auf die Endnote auswirkt.
  • Mitteilung der Noten an Eltern (falls gewünscht) ist über Drucken oder elektronisch problemlos möglich.
Inzwischen gibt es jedoch auch elegantere Alternativen, die zumindest in der Basisversion kostenlos sind:

Der Blick nach vorne

Leistungsbewertung ist für Schüler weniger relevant, wenn sie nur rückwärtsgewandt auf vergangene Leistungen blickt. Versuchen Sie, den Blick nach vorne zu richten und den Schülern mit der Leistungsbewertung eine konkrete Perspektive zu eröffnen. Wie geht das? Z. B. mit dem nachfolgenden Modell zur mündlichen Leistung.

Möglichkeiten zur Verbesserung der mündlichen Leistung (Klasse 7/8)

A weniger quatschen/konzentrierter arbeiten
B schneller arbeiten
C häufiger melden
D aufpassen, was Vorgänger gesagt haben
E in Partner-/Gruppenarbeit konstruktiver arbeiten
F Qualität der Beiträge erhöhen
G Kontinuierlich mitarbeiten


Teilen Sie den Schülern zu Beginn des Halbjahrs diese Liste mit. Wenn Sie Noten zur mündlichen Mitarbeit verkünden, teilen Sie 1-3 Buchstaben mit, die Sie in Ihrer Notenliste notieren und die sich die Schüler auch aufschreiben. Über die Buchstaben haben die Schüler eine Orientierung, wie sie ihre Leistung verbessern können. Auch an Elternsprechtagen haben Sie damit eine präzisere Gesprächsgrundlage. Natürlich sollten Sie die Liste anpassen, das Prinzip ist für alle Klassenstufen geeignet, am sinnvollsten habe ich es für Schüler erlebt, die gerade auf das Gymnasium gekommen sind.

Wichtig: eine prozessorientierte Sicht auf Leistung, z. B. ...

... durch Trennung von Lern- und Leistungsaufgaben,

... durch formative assessment (zeitnahe Rückmeldungen zum laufenden Prozess auf dem Weg),

... durch eine produktive Fehlerkultur (Fehler als Ausgangspunkt für Nachfragen, Lernen,

Verstehen),

... durch eine Kultur der Überarbeitung (d. h. die Leistungsfeststellung erfolgt erst nach der Überarbeitung).

... durch Lernvereinbarungen mit den 5 Elementen

  1. Ziel
  2. Handlungsschritte
  3. Unterstützung
  4. Terminierung
  5. Überprüfung

Bewertung der mündlichen Mitarbeit

Vorschlag zum Vorgehen:

  1. Welche Kriterien der mündlichen Mitarbeit sind mir in dieser Lerngruppe in diesem Fach relevant? (siehe Vorschläge nachfolgend)
  2. ++ | + | O | - | -- oder Kompetenzraster (siehe unten?)
  3. Ist eine Vereinheitlichung im Fachbereich sinnvoll und möglich? (aus meiner Sicht nicht sinnvoll: schulweite Vereinheitlichung).
  4. Inwieweit gibt es Möglichkeiten, die Schüler in die Festlegung der Kriterien mit einzubeziehen?
  5. Kriterien, Zeitpunkte der Erhebung möglichst früh transparent machen (Lerngruppe, Eltern?)
  6. Selbsteinschätzung der Schüler? Hierzu eignen sich Kompetenzraster besser als +/- -Listen.

Rechtliche Grundlagen (in Brandenburg)

Schulgesetz: §§57-60

VV Leistungsbewertung

Beachten Sie bitte die aktuellen Beschlüsse Ihrer Fachkonferenz.

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aus Krumwiede u. a. (siehe unten), S. 11

Kompetenzraster

Transparenz über Niveaustufen

zur Selbstdiagnose

zur Herstellung von Zielvereinbarungen

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Anforderungsbereiche

Ich empfehle nach wie vor zur Leistungsbewertung die Orientierung an den 3 Anforderungsbereichen. Die VV Leistungsbewertung in Brandenburg schreibt diese Orientierung sogar vor (VV Lb. Nr. 8 Abs. 2). Ich halte es auch didaktisch für sinnvoll. Aber wie gehe ich vor?


  1. Den Schülern transparent machen, wie die 3 Anforderungsbereiche im speziellen Fach zu verstehen sind (Kenntnisse - Anwendung/Analyse - Urteil).
  2. Operatoren zu meinem Fach suchen und den Anforderungsbereichen zuordnen. Eine allgemeine Übersicht findet sich z. B. im nachfolgenden pdf-Dokument auf S. 11). Operatorenlisten der KMK finden Sie hier.
  3. Schüler mit den Operatoren vertraut machen, z. B. in visualisierten Arbeitsaufträgen fett drucken.
  4. In schriftlichen Leistungsbewertungen die Erwartungen zu den 3 Leistungsbereichen prozentual aufteilen und den Schülern vorher transparent machen, Erwartungshorizonte nach AFB sortieren, sodass der Schüler zukünftige eigene Potentiale den AFB zuordnen kann.
neuer Rahmenlehrplan Brandenburg 1-10

Liste allgemeiner Operatoren auf Seite 11

Gütekriterien für gerechte Bewertungen

objektiv – Unabhängigkeit der Leistung von der Person des Lehrers oder des Schülers

gültig (valide) – Es sollte nur das gemessen werden, was gemessen werden soll. Beispiel: In der praktischen Unterrichtsprobe spielt die Frage, ob der Prüfling sich in der Schule engagiert hat, keine Rolle.

zuverlässig (reliabel) – Wenn der Klassenlehrer die gleiche Arbeit nach einem Monat nochmal nachsieht, sollte das Gleiche herauskommen.

Typische Fehler der Leistungsbewertung

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(aus Klein, Transparente Leistungsbewertung, S. 26)
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(aus Becker, S. 61)
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(aus Klein, S. 29)

Probleme der schulischen Leistungsbewertung

In einigen Bundesländern ist die Berücksichtigung der Individualnorm gesetzlich fixiert - wie lässt sich das in der Praxis umsetzen?

Vieles lässt sich schwer in Ziffernnoten ausdrücken, wie z. B. Teamfähigkeit, Verantwortungsübernahme, Ausdauer, Integrität, Empathie, Leidenschaft, Optimismus, Kreativität, Loyalität, ...

Schülerselbstbewertung, gegenseitige Bewertung und Selbsteinschätzung

Bewertung in kooperativen Lernformen

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aus: Ludger Brüning/Tobias Saum, Erfolgreich unterrichten durch Kooperatives Lernen. Band 2. Essen 2009, S. 130

Leistungsbewertung und Inklusion

  • Individualnorm
  • Prozessorientierte Bewertungsformen
  • Kompetenzraster
  • Beratungsgespräche
  • Lernvereinbarungen
  • Nachteilsausgleich

Ideen zu alternativen Bewertungsformen (wird erweitert):

Bewertungskriterien für einen Unterrichtsblog

  • Qualität deiner Beiträge
  • Originalität der Beiträge (nicht von anderen abschreiben)
  • Vollständigkeit der Kommentare
  • Umfang der Beiträge
  • Wie sehr gehst du auf vorhandene Kommentare ein bzw. wie stark geht man auf dich ein (Zustimmung oder entgegengesetzte Meinung)?
  • [nur eventuell möglich:] Wirfst du in deinen Kommentaren neue, sinnvolle Fragen auf?


Nähere Informationen zu dem durchgeführten Blog finden Sie hier.

Bewertungskriterien beim Unterrichtsprojekt "fingierte Zeitzeugen"

Historische Daten

  • Vollständigkeit
  • Genauigkeit

Persönlichkeitsprofil

  • charakterliche Konsequenz
  • soziales Profil

Sprache

  • altersangemessen
  • verständlich, klar, passend zum Persönlichkeitsprofil

(Gestaltung)


Unterrichtsidee von Thomas Lange, siehe hier: http://www.friedrich-verlag.de/go/?action=ShowProd&prod_uuid=C4FC68446D8742C78B42DB962D8BDAB2

Differenzierte Leistungsbewertung durch Notenverträge

Erläuterungen zum Umgang damit bei Don Dinkmeyer u. a.: STEP. Das Buch für Lehrer/innen. Wertschätzend und professionell den Schulalltag gestalten. Weinheim: Beltz 2011
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Förderliche Leistungsbewertung: Interview mit Dr. Thomas Stern
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Bewertung praktischer Leistungen nach Krumwiede u. a. (siehe unten), S. 33
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Utopie? aus: Alma de Zarate, Jamila Tressel, Lara-Luna Ehrenschneider: Wie wir Schule machen. Lernen, wie es uns gefällt. München: Knaus 2014, S. 81

Bewertung schriftlicher Leistungen

  1. Es kann nur das geprüft werden, was vorher auch gelernt und geübt wurde.
  2. Die Aufgabenstellung sollte in der Regel vor Beginn der Unterrichtseinheit erstellt werden. [D. h. für Referendare: Angaben zu geplanten Leistungsbewertungen der Unterrichtsreihe sind in der schriftlichen Planung oft sehr sinnvoll.]
  3. Es sollten alle 3 Anforderungsbereiche berücksichtigt werden (s. oben).
  4. Die Schüler müssen mit den Operatoren vertraut sein.
  5. Es ist in jedem Fall hilfreich, Klassenarbeiten und Klausuren zunächst selbst zu bearbeiten.
  6. Klassenarbeiten/Klausuren müssen Leistungen im gesamten Notenspektrum ermöglichen. Das nachfolgende Beispiel würde sich zwar vorzüglich als Impuls für eine Erörterung eignen, für eine Gedichtinterpretation jedoch nicht. Was sollte hier eine gute von einer ausreichenden Leistung unterscheiden?

nach T. von Brand: Deutsch unterrichten, Seelze 2010, S. 237ff

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Klausurrückgabe

Problem: Bei der Klausurrückgabe werfen die Schüler nur einen flüchtigen Blick auf die Klausur und möchten sie eigentlich nach Kenntnisnahme der Note gleich wieder zurückgeben.


Ursachen: Den Schülern ist kein Vorwurf zu machen, ihnen fehlt oft das Verständnis für die Relevanz und eine Anleitung, wie mit einem Klausurkommentar umgegangen werden kann.


Praxisvorschlag:

1. Rot/Grün-Korrektur

2. ausführlicher Randkommentar / schmaler Schlusskommentar

3. differenziertes Erwartungsbild (1 Seite)

4. Für die Rückgabe wird eine Stunde/ein Block veranschlagt.

5. Neben dem Erwartungsbild erhalten die Schüler bei der Rückgabe folgendes Arbeitsblatt:


obere Hälfte: Schüler analysieren ihre eigenen Stärken/Schwächen bezogen auf vorgegebene allgemeine Kompetenzbereiche oder andere Kriterien, die für die gesamte Unterrichtsreihe gelten.

untere Hälfte: Die Schüler formulieren eigene "smarte" Ziele (konkret, realistisch, relevant, mit Zeitpunkt und angegebenen Hilfen/Unterstützungen, die gebraucht werden).


In dieser Rückgabe-Stunde kann der Lehrer für beide Hälften beratend in Anspruch genommen werden.


6. Die Schüler nehmen Klausur und Arbeitsblatt zur Überarbeitung mit nach Hause und geben beides in der Folgestunde ab.


(Vorschläge von C. Lammert, ausführlichere Begründung und Erläuterung hier: https://mutigeschule.wordpress.com/2015/01/11/klausurruckgabe/)

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Quelle: @TeacherToolkit | Twitter

Zusammenarbeit im Kollegium

Effizienter korrigieren

Literatur und Vertiefung

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Diese Übersicht wird demnächst überarbeitet und erweitert.


Weitere Übersichten: